Echos vom Feld
Garfio, der Einäugige, der Ruby verlor
Im Rehabilitationsbereich der Fundación Loros, wo jene Vögel leben, die einst Dach und Alltag mit Menschen geteilt haben, lebt ein Mehlpapagei — Amazona farinosa —, der größten Art Kolumbiens, den alle nur Garfio nennen. Sein ursprünglicher Name war Scar, doch irgendwann befand jemand, dass dieser Spitzname seiner Geschichte nicht gerecht wurde, und Garfio passte wie angegossen: Das linke Auge ist blind, und mit dem rechten beobachtet er die Welt mit einer Mischung aus Stolz und Einsamkeit, die niemandem verborgen bleibt.
Die, die dabei waren, erzählen, dass Garfio sich das wünschte, was man heutzutage eine offene Beziehung nennt — und dabei den Fehler beging, seinen Blick auf Ruby zu werfen, die auserwählte Gefährtin von Paco. Paco war weder der größte noch der lauteste Papagei der Gruppe, aber der am meisten respektierte: einer von denen, die die Stimme nicht zu erheben brauchen, weil ihre bloße Anwesenheit alles sagt. Der Kampf war kurz und endgültig. Garfio ging als Verlierer hervor — um ein Auge ärmer und um eine Lektion reicher, die kein Papagei der Gruppe je vergessen wollte.
Seitdem lebt Garfio allein. Nicht weil die Weibchen wegen seines fehlenden Auges vor ihm zurückschrecken — wie man hier in der Gegend zu sagen pflegt, die Liebe ist blind oder einäugig — sondern weil es schwer fällt, jemandem zu vertrauen, der seiner eigenen Natur zuwiderhandelt, nur um seinem Ego zu schmeicheln. Derweil bleiben Paco und Ruby zusammen, und Garfio ruft ihnen von weitem "lorito" hinterher, vielleicht in der Hoffnung auf eine Revanche, die ihm niemand gewähren wird.